Fremdes München

 

Adressen zum Thema

Minga.de mischt die Presselandschaft auf
Mosi macht den Sedlmayr

Stolze Engel in den Ecken, ein Kreuz, Schnörkel, aufwändige Schnitzereien und alles aus Gold: Eigentlich war klar, dass der goldversetzte Glassarg in den Januartagen 2005 die Fantasie bei den Redakteuren der Bild-Zeitung anheizen würde. Angeblich kann man in der Erfindung zweier Schweizer eine Leiche dauerhaft konserviert öffentlich aufbahren. Wie einen König. Ein paar Tag zuvor war der Mode-Designer Rudolph Moshammer in seinem Grünwalder Haus ermordet aufgefunden worden, und nicht nur der Boulevard kochte im medialen Ermittlungsfieber. Die Bild-Schlagzeile wird sich wohl wie von selbst geschrieben haben: „Wird Mosi im Glassarg beigesetzt?“, fragte das Blatt prompt auf der Titelseite.

Er wurde es natürlich nicht. Warum auch? Niemand hatte auch nur im Traum daran gedacht. Doch die Bild-Redakteure hatten im Moshammer-Fieber im Internet recherchiert und waren auf die Adresse Minga.de gestoßen. Ein Weblog mit Texten verschiedener Autoren, wie es sie immer mehr gibt in diesen Tagen. Thema hier: München. Einen Monat zuvor hatten die Betreiber das Weblog gestartet, doch nur ein paar Menschen klickten sich zunächst auf die mit ein paar müden Bildern, Veranstaltungstipps und Kurzmeldungen gefüllten Seiten. Dann starb Moshammer und die Minga-Mannschaft begann, fieberhaft darüber zu schreiben: „Mosi macht den Sedlmayr“ stand wenig pietätvoll über dem ersten Eintrag, dann folgten immer mehr Wasserstandsmeldungen über die Ermittlungen – bis Minga.de zum lokalen Sammelpool für die Nachrichtenlage rund um den Moshammer-Fall wurde. Das sprach sich herum im Netz – die Leser kamen. Und die Bild-Zeitung, die auf die nicht ganz ernst gemeinte Minga-Präsentation des Glassarges stieß, sich begeistert das Foto bei den Schweizer Sarg-Machern besorgte und es prompt auf den Titel hob. Retuschiert natürlich, denn auf dem Originalbild lag störenderweise noch ein Holz-Jesus in dem Sarg: Die Schweizer hatten in Ermangelung eines Prototyps ihres Patentes das Bild eines Schreines in Costa Rica verwendet, der dort bei Prozessionen durch die Straßen getragen wird. Der Münchner Modemacher fand seine letzte Ruhe schließlich in einem Mahagoni-Sarg, doch der Run auf das lokale Weblog hielt an: „Mit der Moshammer-Berichterstattung sind wir innerhalb von Stunden buchstäblich aus dem Nichts zum Moshammer-Lead-Medium geworden“, sagt Minga-Betreiber Jörg Stengel. Zehn Monate später klicken sich täglich weit über 1000 Menschen auf seine Seiten.

Der Münchner Jörg Stengel ist Online-Pionier: Anfang der Neunziger, lange vor dem Internet-Boom, stellte er mit Freunden untereinander vernetzte Computer-Terminals in Kneipen auf, mittels denen die Gäste städteübergreifend miteinander chatten konnten. Heute stehen die Chatsysteme als Terminals des Online-Dienstes AOL immer noch in vielen Gaststätten, Stengel aber hat seine Firmenanteile verkauft, gönnte sich eine Auszeit samt Weltreise. Nun will es der 42-Jährige wieder wissen. 2004 gründete er einen kleinen Verlag für Internet-Projekte, die über eine geschickte Verzahnung mit Online-Werbung angeblich inzwischen für hohe sechsstellige Umsätze sorgen – und damit auch Minga.de mitfinanzieren. Eine Geschäftigkeit, die für Misstrauen in der eng vernetzten Gemeinschaft der Blogger sorgt.

Und als Stengel im Sommer 2005 für Minga.de auch noch die wohl erste Weblog-Praktikantin beschäftigte, ging die Diskussion in der „Blogosphaere“ erst richtig los. „Das hat ziemlich Wind gemacht – ob man das darf, ob wir spinnen, ob sie ausgebeutet wird oder ob man nicht generell ausgebeutet wird im Leben“, sagt Stengel. Inzwischen beschäftigt er auch einen ehemaligen Redakteur der Münchner Boulevard-Zeitung tz. Gegen Bezahlung – auch das ein ungewöhnlicher Zustand in der traditionell unkommerziellen Blogger-Szene. Doch Minga.de will den lokalen Nachrichtenmarkt aufmischen und als kostenloses Angebot „der täglichen Mischung aus Altpapier und Werbewurfsendung“, wie Stengel die Tageszeitungen bezeichnet, etwas entgegensetzen: „Wir sind auf dem Weg, ein gutes und vor allem echtes lokales Internet-Medium zu entwickeln“, sagt er. „Dies ist ein Weg, der den Lokalzeitungen aus Rücksicht auf die Printobjekte meistens versperrt ist.“

Hohe Qualität darf man freilich noch nicht erwarten. Die Nachrichtenlage des Mediums speist sich überwiegend aus einer kruden Mischung von hastig umgeschriebenen Polizeimeldungen und städtischen Pressemitteilungen, Betrachtungen der Themen in Münchens Tageszeitungen, Veranstaltungstipps und ein paar skurrilen Beobachtungen der Redakteure auf dem Weg zur Arbeit. Ein Mix, den man im Zeitungsbereich aus schlecht ausgestatteten Anzeigenblättern kennt. Doch im Netz herrschen andere Gesetze. Der boulevardeske Cocktail scheint seine Leser zu finden, die sich auch selbst mit Kommentaren zu Wort melden. „Wir haben nichts zu verlieren und können viele Themen ehrlicher und kontroverser als Old Media angehen“, behauptet Stengel. Eine Erkenntnis, zu der die Süddeutsche Zeitung inzwischen auch gekommen ist. Wie andere große deutsche Zeitungen hat jetzt auch der Münchner Platzhirsch eigene Blogs mit SZ-Autoren ins Leben gerufen, um die wachsende Blogger-Gemeinde an die eigene Marke zu binden.

Minga.de dagegen sucht die Nähe der Süddeutschen Zeitung. Wenn auch nur räumlich: Bis vor kurzen sendete Stengel noch als Untermieter einer Sprachschule aus einem kleinen, schmucklosen Büro im Hauptbahnhof-Viertel. Nun hat er für seinen Internet-Verlag ehemalige Büros des SZ-Magazins angemietet. Kaum verwunderlich, dass die Bekanntgabe des Umzugs im eigenen Weblog als Siegesmeldung über die Old Media gefeiert wurde: „Minga übernimmt Süddeutsche Zeitung.“

Alexander von Streit

www.minga.de