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Stadtteilzentrum Milbertshofen
Multikultureller Treffpunkt für die Jugend

HipHop-Rhythmen dröhnen aus dem Keller, in der Cafeteria im Erdgeschoss surfen zwei Jungen im Internet, während sich die Sitzgruppe langsam füllt und die Neuankömmlinge mit Bussi links, Bussi rechts begrüßt werden. Oben in der Küche ist die Kochgruppe am Werk. Bald gibt es Abendessen: Pfannkuchen mit Marmelade und Nutella. Ein ganz normaler Donnerstag im Offenen Jugendtreff des Stadtteilzentrums Milbertshofen.

„Ich bin gern hier, weil wir viel Spaß miteinander haben. Es sind immer Leute da, mit denen man ratschen, tanzen oder spielen kann“, freut sich die 14-jährige Buket. Dreimal pro Woche bietet das Stadtteilzentrum den Offenen Jugendtreff an, hier verbringen im Schnitt 30, im Winter manchmal 60 bis 70 Jugendliche den Nachmittag oder frühen Abend. Etwa ein Drittel sind Mädchen. „Hier sind bis zu 15 Nationalitäten versammelt: Türken, Griechen, Italiener, Brasilianer, die Nationalitäten aus dem ehemaligen Jugoslawien, Albaner und viele mehr. Deutsche sind eher selten hier“, erklärt Helmut Gmeinwieser, Leiter des Stadtteilzentrums.

Die Regeln, nach denen der Jugendtreff funktioniert, hängen in der Caféteria aus: keine Ausdrücke, Mädchen nicht belästigen, das Stadtteilzentrum ist kein Selbstbedienungsladen, keine Prügeleien, nicht bei UNO schummeln, keine Glasflaschen mitbringen, Geschirr, Spiele etc. aufräumen, andere aussprechen lassen. „Wenn wir uns an die Regeln halten, bekommen wir keine Probleme mit den Erziehern“, sagt Luana, eine 13-jährige Italienerin. „Sie können aber sehr streng werden, wenn wir beispielsweise Glasflaschen mitnehmen oder etwas anderes anstellen.“ Das Betreuerteam um Helmut Gmeinwieser braucht vor allem gute Nerven, da es sich mit Werten und Normen aus mehreren Kulturkreisen auseinandersetzen muss. Gmeinwieser, 50 Jahre alt, Soziologe, Typ Bär mit Vollbart und ruhiger, positiver Ausstrahlung, ist Leiter des Stadtteilzentrums. Seit elf Jahren ist er dabei. Er lacht oft. „Wir bewegen uns auf einem schmalen Grat. Denn wir dürfen nicht zu kumpelhaft mit den Jugendlichen umgehen, müssen Grenzen setzen und die Kids auch mal rausschmeißen, wenn sie Mist gebaut haben. Wir bieten ihnen aber Schutz und eine gewisse Freiheit.“ Bislang funktioniert das alles ganz gut. „Die Erzieher sind sehr nett und akzeptieren uns, egal welche Nationalität wir haben“, findet der 12-jährige Alessandro, ein Stammgast.

Projekt zur Integration
Das Stadtteilzentrum Milbertshofen öffnete seine Pforten 1987 als Ergebnis einer Initiative des Sozialpädagogik-Zweigs der Fachhochschule München. Milbertshofen bot sich wegen seiner sozialen Daten als geeigneter Stadtteil für das Projekt Zusammenleben von Deutschen und Ausländern an. Der Ausländeranteil liegt bei rund 30 Prozent (bei Jugendlichen nahezu 40 Prozent). Zudem ist Milbertshofen wegen seiner großen Zahl von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern eines der ärmsten Viertel Münchens.

Träger ist der Verein Stadtteilarbeit, der die Räume des Hauses am Alten St.-Georgs-Platz gemeinsam mit der Fraueninitiative Milbertshofen (FIM) und der Schülerförderung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) nutzt. Das Haus gehört der Stadt, ist etwa 200 Jahre alt und eines der wenigen noch erhaltenen Gebäude von Alt-Milbertshofen. Es steht unter Denkmalschutz. „Damals gab es einen Deal zwischen dem Trägerverein und der Stadt. Der Verein renovierte das Haus, die Stadt bezahlte im Gegenzug die Sozialarbeiter“, beschreibt Gmeinwieser die Gründungsgeschichte des Stadtteilzentrums. Er und seine Kollegen Jacqueline Aydin und Edip Güven sind somit Vollzeitangestellte der Stadt mit dem Auftrag Jugendarbeit.

Neben dem Jugendtreff bieten sie ein umfangreiches Programm an: Einmal wöchentlich gibt es eine Bastelgruppe, eine HipHop-Tanzgruppe mit professioneller Tanzlehrerin (Kosten: 1 Euro pro Sitzung), eine Kochgruppe, eine Computergruppe und eine eigene Mädchengruppe. Die Computergruppe des Stadtteilzentrums hat eine eigene Site auf der Homepage des Stadtteils Milbertshofen erstellt, zu finden unter www.milbertshofen-info.de. In Zusammenarbeit mit der Hauptschule an der Schleißheimer Straße bietet das Stadtteilzentrum zudem zwei Vorbereitungskurse für den Qualifizierten Hauptschulabschluss an. Teilnahmegebühr pro Sitzung: 3,50 Euro.

Basketball um Mitternacht
Hohen Stellenwert hat die Gewaltprävention. So wurde das Stadtteilzentrum durch das Projekt Basketball um Mitternacht überregional bekannt. Es startete 1998 als Modellversuch – inzwischen existieren in München 13 ähnliche Projekte. Jeden Freitag von 17 bis 24 Uhr gibt es Fußball und Basketball in der Turnhalle der Hauptschule an der Schleißheimer Straße, jeden Montag können Jugendliche von 17 bis 21 Uhr in der Turnhalle der Grundschule Hanselmannstraße Fußball spielen. Anwesend sind semi­professionelle Trainer, Streetworker und Sozialpädagogen. „Ziel ist es, die Jugendlichen von der Straße zu holen und sie sinnvoll zu beschäftigen. So können wir Aggressionen, Alkohol oder Drogen leichter vermeiden“, erläutert Helmut Gmeinwieser.

Doch manchmal helfen auch alle vorbeugenden Maßnahmen nichts. Gmeinwieser erinnert sich an zwei brenzlige Situationen, in denen die Betreuer mithilfe der Polizei eine Eskalation verhinderten: Während eines Basketball-Spiels bekam ein Junge einen Schlag auf die Nase. Der Streit schaukelte sich hoch – eine Woche später kam es zu einem Showdown. Die beiden Kontrahenten baten ihre Freunde um Verstärkung, die schwer bewaffnet mit Messern und Totschlägern in der Nähe der Halle warteten. Ein Wort hätte genügt, und es wäre zu einem Bandenkrieg gekommen. Doch der konnte verhindert werden. Im Jahr 2000 dann war eine Gruppe Skinheads in der Nähe der Halle und skandierte ausländerfeindliche Parolen. Es entwickelte sich eine Verfolgungsjagd, bei der sogar Schüsse aus einer Gaspistole fielen. Die Polizei war aber schnell zur Stelle, bildete zwei Kessel um die ausländischen Jugendlichen sowie um die Skinheads und nahm die Personalien der Beteiligten auf. Passiert ist weiter nichts.

Mitbestimmung bei der Stadtteilentwicklung
Das Stadtteilzentrum verschafft den Jugendlichen auch Gehör bei der Gestaltung ihres Umfelds und bezieht sie so in die Entwicklung des Viertels ein. Ein Beispiel ist die Neugestaltung des Anhalter Platzes, bei dem das Stadtteilzentrum im Rahmen des Programms Soziale Stadt die Jugendlichen zur Mitbestimmung aufrief. „Wir wollten keine Skaterbahn, sondern einen Bolzplatz und Basketballkörbe. Das haben wir auch erreicht“, freut sich Alessandro. Mitgewirkt haben die Jugendlichen auch bei der Gestaltung der Spielmeile, die im Norden Münchens entlang der ehemaligen Straßenbahntrasse verläuft und inzwischen zu einem lang gezogenen Park umgestaltet wurde. Hier gibt es Spielplätze, Holzpavillons mit Spielgeräten, Tischtennisplatten und einen kleinen Fitness-Parcours im Freien. Neu dazugekommen ist 2005 der Generationengarten, ein Treffpunkt für Jung und Alt, Deutsche und Ausländer. Im Sommer organisiert das Stadtteilzentrum auf der Spielmeile größere Feste.
„Die Jugendlichen identifizieren sich stärker mit dem Stadtteil und fühlen sich für ihn verantwortlich, wenn sie bei der Gestaltung gehört werden und mitbestimmen. Das stärkt auch ihr Selbstvertrauen.“ Und so müssen sie auch beim Haus des Stadtteilzentrums ran. Alle zwei Jahre streichen sie die Räume der Disco neu und helfen beim Putzen.

Jürgen Mauerer

Stadtteilzentrum Milbertshofen, Alter St.-Georgs-Platz 4, 80809 München
Tel. 351 23 54, www.milbertshofen-info.de, www.verein-stadtteilarbeit.de
Offener Jugendtreff: dienstags 16.30 bis 18 Uhr, mittwochs 14 bis 17 Uhr,
donnerstags 18 bis 21 Uhr (ab 12 Jahren)