| Im Heavens Gate können
auch Blinde Klettern lernen
High sein in der Knödelfabrik
Vor rund zehn Jahren entschlossen sich ein paar Blinde in Begleitung
ihrer sehenden Freunde mal zum Klettern zu gehen. Doch die Kletterhallen,
die die Gruppe aufsuchte, waren noch nicht auf solche Gäste vorbereitet.
Hinzu kam, dass das Vorhaben auch versicherungstechnisch nicht abgeklärt
war. Mit der Folge, dass niemand ihnen Einlass gewährte.
So entstand das Heavens Gate: Die Abgewiesenen beschlossen, sich selbst
eine eigene Halle zu bauen. Sie erkannten aber bald, dass sich dieser
Traum zu sechst kaum realisieren lässt. Also riefen sie einen Verein
ins Leben: die Interessengemeinschaft (IG) Klettern München &
Südbayern e.V.
Die Gründungsmitglieder begannen sofort, sich nach einem geeigneten
Objekt umzusehen. Man begutachtete Wassertürme, Schornsteine und
Flugzeughangars. Hinter dem Ostbahnhof, auf dem ehemaligen Pfanni-Gelände,
wurden die Kraxler schließlich fündig: Hier stand eine kubusförmige
Riesenscheune mit mehreren 30 Meter hohen Röhren, in die trichterförmige
Schwermetall-Silos eingelassen waren, in denen einst das Mehl für
die Knödel lagerte. Einige IG-Mitglieder konnten Schweißbrenner
bedienen und Hebebühnen bauen. Sie frästen die tonnenschweren
Silos in monatelanger Schinderei aus den Betonröhren – die
meiste Zeit am Seil hängend.
Heute steht in der ehemaligen Pfanni-Scheune Europas höchste Kletterhalle.
Und: Es gibt eine eigene Kletterschule mit fast 50 festen Trainern. Daneben
verfügt die IG – mit ihren bald 1000 Mitgliedern – auch
über ein hoch qualifiziertes Team, das Jahr für Jahr rund zehn
Leute als zertifizierte Fachübungsleiter Indoor-Klettern ausbildet
– wie Judith Faltl, 36, Software-Entwicklerin und Landesvorsitzende
des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes.
münchenleben: Seit wann bist du blind?
Judith Faltl: Ich war eine Frühgeburt und kam mit einem Sehrest von
nur noch zwei Prozent auf die Welt. Die ersten 20 Jahre lang konnte ich
wenigstens noch Farben erkennen, Umrisse und auch Zeitungsüberschriften,
wenn ich sie ganz nah vor die Augen hielt. 1992 aber bekam ich eine Augenentzündung,
die zur völligen Erblindung führte.
Wie hast du deine Leidenschaft fürs Klettern entdeckt?
Bei einem IG-Schnupperkurs, extra für Blinde und Sehbehinderte.
Du bist die erste blinde Kletter-Trainerin Deutschlands. Wie
kam es dazu?
Der Schnupperkurs war für mich überwältigend und weckte
meine Leidenschaft. Um diese Erfahrung auch anderen Blinden zugänglich
zu machen, begann ich, gemeinsam mit befreundeten Trainern Kurse für
Sehbehinderte zu organisieren, bei denen ich natürlich auch immer
dabei war. Und irgendwann habe ich mich halt zur Übungsleiter-Ausbildung
angemeldet.
Kletterst du auch in den Bergen?
Natürlich! Ich habe ein paar hervorragende Bergkameraden, mit denen
ich im IV. bis V. Schwierigkeitsgrad unterwegs bin. Mit Robert Kluge*
habe ich zum Beispiel die Kampenwand-Gratüberschreitung gemacht.
Mit Karl Hegele*, einem befreundeten Bergführer, war ich an den Ruchenköpfen,
habe die Mariakante am Pordoijoch gemacht und den Hexenstein in den Dolomiten.
Mit Klaus Rösler* bin ich viel in Arco geklettert: Sonnenplatten
usw. Und mit Holger Ingerfeld* war ich im Wetterstein und bin das Wiederband
am Watzmann gegangen.
Gab es ein besonderes Berg-Erlebnis?
Kein spezielles. Ich bin aber jedes Mal wieder total erstaunt, wie tief
doch Grat-Einschnitte sein können: Nicht selten geht´s da mehrere
Abseilfahrten runter; und auf der anderen Seite wieder rauf.
Was gefällt dir in der Halle am besten?
Da traue ich mich, vorzusteigen. Und immer, wenn ich es geschafft habe,
das Seil für meine Freunde zum Nachsteigen oben einzuhängen,
freut mich das natürlich riesig.
Was nervt dich am Verhalten der Sehenden am meisten?
Viele Leute trauen sich nicht, mich direkt anzusprechen – wohl aus
Angst, etwas Falsches zu sagen. Lieber fragen sie meinen Kletterpartner
über mich aus – und reden mit ihm über mich in der dritten
Person.
Welche Zukunftspläne hast du?
Keine Ahnung. Ganz viel Sporteln jedenfalls. Ich kaufe mir gerade ein
voll gefedertes Mountainbike-Tandem.
Text und Interview: Christian Rödling
Kletterhalle Heavens Gate, Grafinger Str. 6 (Kultfabrik),
81671 München,
Tel. 40 90 88 03, Fax 40 90 88 05,
www.kletternmachtspass.de
Tägl. geöffnet von 10-23 Uhr, tägl. Kurse
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